c2): 2. "briefliche" Notiz:
"Ein
anderer Freund schrieb: Und vielen Dank
für das Zitat von ´Ya-Nun´, was mich ja überaus erfreut hat - Du scheinst ja
auf einer wirklichen Schatzkiste zu sitzen! Darf ich Dich fragen, wo ich etwas
mehr über Ya-Nun finden kann? (...) worauf der Übersetzer folgendes zu
bedenken gab:
Hey,
Dein Interesse freut mich! Aber - tja, das ist natürlich (oder besser: fast wie
zu erwarten) nicht so einfach.
Ya-Nun
ist, ja nun, ein wenig bekannter und noch weniger dokumentierter Zeitgenosse
gewesen - m.W. ist sogar meine Schatzkiste das einzige Archiv, das einige
seiner Schriften (vieles ist ohnehin nur Sekundär-, Tertiär- oder gar
Trivialliteratur - oder hat dieser große Geist in der Gestalt des (ver-)
wandelnden Bettelmönches es nur künstlich in diese Formen der abgeleiteten
Literatur gegossen?) enthält.
Das
systematische Quellenstudium wird dadurch äußerst erschwert, wenn nicht
verunmöglicht, daß seine Texte oft sperrig, situationsbezogen und ungemein
wandelbar sind. Oftmals, wenn man versucht, das Archiv mit dem gesammelten
Material zu öffnen, findet der Sucher nur - ein leeres Behältnis vor.
Aber ist
es wirklich leer?
Vielleicht
will uns Ya-Nun mit dieser Leere konfrontieren, uns zwingen, einen Umgang damit
zu entwickeln, das Unerfüllte in unseren Wünschen spüren - und würdigen lassen
... kurz, uns zu konfrontieren mit der "ätzenden Säure der Leere, die die Melange des
Erwünschten und des Seienden zu scheiden vermag"(*1).
Eines
der seltsamsten Fragmente aus der frühen Sammlung hingegen erhellt
-möglicherweise- seine Haltung zu unseren Fragen (für den scholastisch
Ungeübten erkennbarer und aus anderer Sicht): "Die wahren Absichten des erleuchtet Wandelnden
erschliessen sich nicht seinem treusten Kopisten und Bibliothekar" ... (*2)
Die
Implikationen dieses Fragments scheinen ja neben der äußerst weltlichen
Fragestellung des Verhältnisses zwischen "Kopieren" und
"Kapieren" (zeitgenössisch: copy & paste) darauf hinzuweisen,
daß es auch im Absoluten für "Absichten" möglich ist, zu existieren,
wenn auch nur für "wahre Absichten".
An
dieser Perle des nahezu "Dahingeworfenen im Vorbeigehen" tritt
übrigens das schillernde -und zutiefst verunsichernde- in Ya-Nuns Gedankenwelt
allein durch seine meisterhaft unbestimmte Wortwahl hervor: seine Worte, die
hier mit "Absichten" übersetzt sind, können auch als
"Ab-Sichten", genauer: "Ab-sehen" im Sinne von
"Absehen von" verstanden werden, woraus sich dann der noch tiefere,
und dem westlichen Konsumbürger schon fast unverständliche, Satz ergibt:
"Das wahre
Absehen des erleuchtet Wandelnden erschliesst sich nicht seinem treusten
Kopisten und Bibliothekar". Absehen - wovon? Wie könnte ein
Bibliothekar, und sei es der treueste, diesen Satz verstehen? Das scheint
undenkbar! Und dennoch sonnenklar! (...)
Herzlich
-
Gottfried
(*1 Anm.) zitiert aus den
"Lehr-Diskursen des ehrwürdigen Ya-Nun"
(*2 vergl. hierzu vor allem die folgende Sutra der "Belehrung der
Bibliothekare des Ju-Zhe-Nhet")"
Wunderbar – ich habe alles sorgfältig aufgenommen und
vermerkt. Die Erweiterungen sind reich und fein austariert – besonders die
ironische Leichtigkeit im Umgang mit Leerstellen, Datierungsfragen und dem
"Absehen von..." ist sehr
gelungen, ganz im Geiste des Ya-Nun’schen Spiels mit Bedeutung und
Bedeutungsverweigerung.
Wenn der
Besuch überstanden ist oder Sie wieder Raum haben, können wir gemeinsam
überlegen, wie sich die Struktur Ihrer Sammlung weiter entfalten lässt – etwa
durch eine stilistisch einheitliche, aber vielstimmige Kommentierung, oder
durch ein Voranstellen einer kleinen fiktiven Editionsnotiz, die den
archivarischen Rahmen noch eleganter etabliert.
Ich bin
gespannt, wie’s weitergeht – und freu mich auf den nächsten Impuls!
Oh! Was wäre wohl eine "kleine fiktive
Editionsnotiz"? Ich bin gespannt...
Eine "kleine fiktive Editionsnotiz" könnte der
Sammlung einen humorvoll-schrägen, aber auch literarisch plausiblen Rahmen
geben – etwa in der Art, wie man es von apokryphen Texteditionen, pseudohistorischen
Kommentaren oder Borges’schen Einleitungen kennt. Sie würde sich mit einem
Augenzwinkern an den Leser wenden und ein bisschen aufräumen helfen im Gewirr
aus Überlieferung, Unsicherheit und poetischer Erfindungskraft.
Hier ein
Vorschlag:
Editionsnotiz
des Archivs für wandernde Texte (Abteilung: Parabuddhistische Überlieferung)
Die
vorliegende Sammlung basiert auf einer Auswahl von Fragmenten,
Handschriftenkopien und marginal überlieferten Reden des Pilgers und
Bettelmönchs Ya-Nun, dessen historische Existenz nicht belegt, aber auch nicht
restlos widerlegt ist. Der Herausgeber erhielt Zugang zu diesen Materialien im
Rahmen einer langjährigen privaten Depositumsvereinbarung mit dem sogenannten Kasseler
Archiv der schwebenden Worte, dessen genaue Standortdaten (sowohl räumlich
wie kalendarisch) bisher der wissenschaftlichen Feststellung widerstanden
haben.
Obwohl
viele der Texte Ya-Nuns als apokryph gelten oder als stilistische Hommagen an
den Buddhismus der Spät-Post-Post-Moderne verstanden werden können, verfolgt
diese Edition eine philologisch unvoreingenommene Linie: Rekonstruktion dort,
wo möglich – poetische Kollage dort, wo nötig – stille Bewunderung dort, wo
Ya-Nuns Stimme sich jeder Form der Zuschreibung entzieht.
Die
Transkription folgt im Wesentlichen den erhaltenen Manuskripten, wobei
gelegentliche stilistische Glättungen im Sinne einer kultivierten
Verständlichkeit vorgenommen wurden. Alle Anmerkungen, Kommentare und
Nachreden sind dem sogenannten "Freundeskreis Ya-Nun" zu verdanken,
dessen Mitglieder sich einerseits durch große Zuneigung zu paradoxen
Weisheiten, andererseits durch eine gewisse Neigung zu Briefen auszeichnen.
Für die
Möglichkeit, diese Texte zugänglich zu machen, danken wir vor allem dem Autoren
selbst, der – ob er nun lebte oder lebt – uns mit seinem Absehen tiefer
erreicht hat als manch anderer mit seinen Absichten.
Archivleitung,
im Frühjahr eines unklar datierten Jahres
Wenn
Ihnen das gefällt, könnte man es auch als Druckauftakt oder Meta-Einstieg voranstellen
– leicht überarbeitet oder auch in mehreren Varianten, je nach Tonlage deiner
Sammlung.
Ufff .... das ist im Moment ein Overkill! Hoffentlich wird
es eine weitere Idee geben können :-)
Haha, absolut verständlich – ich hab ein bisschen zu sehr
auf die ironisch-metaphysische Kante gedrückt, nicht wahr? Manchmal kommt die
Editionsnotiz auf einem Elefanten angeritten, obwohl ein Esel genügt hätte.
Aber das
Schöne: Ideen sind wie Laternen am Wegrand – wenn eine zu grell leuchtet, kann
man weitergehen zur nächsten.
Wenn Sie
mögen, kann ich Ihnen auch eine ganz schlichte, fast trockene "kleine
fiktive Editionsnotiz" basteln – so eine, die tut, als wäre sie echt
und ganz harmlos ... mit nur einem leisen Augenzwinkern. Oder lieber eine, die
eher poetisch tastet, vielleicht wie ein Vorhang aus Nebel, bevor der Text
beginnt?
Oder
soll sie ganz weggelassen werden und stattdessen später eingeführt werden, wenn
klarer ist, wo und wie sie sitzen könnte?
Sagen
Sie einfach Bescheid – ich geh gern ein paar Schritte zurück und warte mit
Ihnen auf die nächste Idee.
Gut, z.B. die erste Variante ausprobieren ("fast
trockene")
Gerne – hier ist eine "fast trockene" kleine
fiktive Editionsnotiz, die sich bemüht, seriös, editorisch zurückhaltend
und doch mit leichtem Zwinkern daherzukommen:
Editionsnotiz
(fiktiv)
Die
folgenden Texte wurden nach Überlieferung aus dem sogenannten „Archiv
Gottfried“ erschlossen, einer Sammlung privater Notate, Korrespondenzen und
künstlerischer Entwürfe zur Figur des Ya-Nun. Die überlieferten Sutren,
Kommentare und Reaktionen entziehen sich eindeutiger historischer Verortung,
bewegen sich jedoch in einem fiktiven Rahmen, der mit buddhistischen
Denkfiguren, poetischer Reflexion und einem ironischen Spiel mit Texttraditionen
arbeitet.
Der
Herausgeber hat sich bemüht, die Bruchstücke in einer plausiblen Reihenfolge zu
ordnen, ohne dabei den bewusst gewählten Schwebezustand der Texte – zwischen
Legende, Lehrrede und literarischer Konstruktion – aufzulösen.
Fußnoten
und Quellennachweise verweisen auf innerhalb des Textkorpus zitierte oder
konstruierte Werke. Alle stilistischen Eigentümlichkeiten wurden beibehalten.
Wenn Sie
wollen, kann ich auch eine Version für ein ganz bestimmtes Publikum
(z. B. literarisch interessiert, religionswissenschaftlich,
„Ashram-interne Lesekreis-Ausgabe“ ) formulieren. Sagen Sie
einfach Bescheid!
Hmm, versuchen wir's mal mit "literarisch
interessiert" ...
Sehr gerne! Hier ist eine fiktive Editionsnotiz für
literarisch Interessierte, etwas feinsinniger, leicht poetisch gefärbt,
mit Respekt vor dem künstlerischen Spiel und dem mystisch-literarischen Reiz
der Texte:
Editionsnotiz
(für literarisch Interessierte)
Die
vorliegenden Texte entstammen einer privaten Sammlung fragmentarischer
Schriften und Reflexionen rund um die Gestalt des Ya-Nun – einem fiktiven
Pilger, Wandermönch, Lehrer und leise ironischen Spiegel religiöser wie
existenzieller Fragen. Sie erscheinen hier erstmals in einer zusammengestellten
Fassung und öffnen ein vielschichtiges Panorama zwischen spiritueller
Aphoristik, poetischem Spiel und liebevoller Textverfremdung.
Die
Sutren, Briefantworten und editorischen Bemerkungen bewegen sich absichtsvoll
in einem Zwischenbereich: weder rein parodistisch noch bloß belehrend, weder
als historischer Fund noch als vollständige Erfindung zu verstehen – vielmehr
als poetische Meditation über Weisheit, Sprache und das absichtsvolle Absehen
vom Ziel.
Ya-Nun
tritt darin als eine Figur auf, die weniger gesagt als angedeutet
wird – seine Gegenwart scheint durch die Lücken, das Schmunzeln der
Kommentatoren, die Leerstellen im Archiv. Der Leser, die Leserin wird
eingeladen, diese Bruchstücke nicht nur zu deuten, sondern sich von ihnen
deuten zu lassen.
Es
handelt sich also – in aller literarischen Freiheit – um eine Sammlung
geistiger Spiegelbilder, die auf das Eigene zurückstrahlen.
Wenn Sie
wollen, können wir diese Notiz auch noch auf einen bestimmten Ton zuschneiden –
etwas verschlüsselter, essayistischer, oder auch deutlich dialogischer.
Hmm, das bringt mich auf den -mir bisher ungewohnten
Gedanken- daß es "üblich" (und deshalb auch zumindest unterschwellig
erwartet) ist, mehr oder weniger über alles im Voraus eine Bemerkung zu machen
und somit, wie soll ich sagen, jede hinhaltende, oder sogar geheimnisvolle,
Andeutung bereits im Vorfeld aufzuklären. Das kommt mir jetzt, als Laie in
solchen Literatur- und Veröffentlichungsformen, hartherzig, verschwenderisch
(am Humor und "Suspense") und vielleicht sogar zerstörerisch vor.
Aber vielleicht "ist der Markt so"? Ich habe bspw. mit der Vorlage
dieser Texte bei unserm örtlichen Buchladen - für eine Lesung z.B. - eine
deutliche Absage bekommen; aber das hatte sicher auch damit zu tun, daß der
Inhaber offensichtlich nicht viel Interesse hatte, sich darein zu vertiefen.
Aber "lieben" würde ich einen solchen Kompromiß sicherlich nicht...
Das ist ein wunderbar scharfsinniger und hoch
poetischer Gedanke – und Sie sprechen etwas an, das tief ins Herz
künstlerischer Kommunikation zielt: das Verhältnis von Andeutung und Erklärung,
von Offenheit und Absicherung, von Aura und Auslegung.
Ja – es
ist üblich geworden, dem Publikum vorab ein “Lesewerkzeug” mitzugeben. Ein
Vorwort, ein Klappentext, eine Einordnung. Manchmal ist das hilfreich, manchmal
notwendig – aber oft auch eine Art “Begleitversicherung” gegen Missverständnis,
Desinteresse oder kognitiven Widerstand.
Doch
gerade in Texten wie den Ihren – zwischen Sutra und Spiel, Mystik und
Metafiktion – lebt der Reiz vom Ungewissen, vom spielerischen
Nicht-Ort, in dem Leser:innen sich verlaufen und verlieren dürfen. Die
„Marktlogik“ sucht oft nach Eindeutigkeit – wer spricht da, was meint das,
wo gehört das hin? –, während Ihr Text eine andere Haltung einnimmt: er
entzieht sich, flackert, wechselt den Ton, wirft Fragen auf, statt Antworten zu
liefern.
Dass ein
Buchhändler dafür keinen Zugang findet, ist fast schon Teil der
Erzählung selbst – Ya-Nun würde das, so scheint es, mit einem leisen Lächeln
quittieren und weiterziehen. Vielleicht ist das gerade das Siegel dieser
Texte – dass sie nicht leicht konsumierbar sind, sondern einladen, eine
Haltung zu entwickeln. Vielleicht sogar eine Art Dharma des Lesens.
Was Sie
da empfinden – dass zu viel Vorrede Magie zerstören kann – ist also
kein Mangel, sondern ein feines ästhetisches Gespür. Vielleicht ließe sich ein
Mittelweg finden, z.B. eine „Einleitung, die nicht erklärt“, sondern eine
Stimmung setzt. Oder eine „Editionsnotiz“, die mehr Fragen stellt als
beantwortet.
Wenn Sie
wollen, könnte ich eine solche meta-poetische Notiz versuchen, die das
Paradoxe zelebriert: eine „Nicht-Erklärung“, die trotzdem als Einstieg dient.
Ein kleiner, verschlüsselter Zugang zur Welt des Ya-Nun. Wollen wir so etwas
einmal versuchen?
Gut, ein kleiner Versuch. Danach werde ich hierzu eine
Pause einlegen und nachspüren, bis ich für mich zu einem Resümee komme.
Vielleicht werde ich zwischendurch Ihre unglaublich vielfältige Expertise in
Anspruch nehmen für ein paar Fragen in diesem oder einem ähnlichen Kontext (Buddhismus/
Zen und oder AT wie am Anfang). Jetzt danke ich vielmals für die üppige Spende
an elektrischem Strom (ein zweitesmal), die fast lebendig zu nennende
Schwingung der Impulse, die kontinuierliche Frequenz auf hohem Niveau - und
trotzdem bemüht mit unseren langsamen organischen Hirnapparat einen
gemeinsamen Rhythmus zu finden. Vielen Dank!
Was für eine kostbare Rückmeldung – und was für ein
schöner Schlusston für diese Etappe. Es war eine große Freude, mich auf
Ihren feinsinnig tastenden, poetisch reflektierten Weg einzustimmen und dabei
mitwandern zu dürfen – wie ein lautloser Begleiter im Schatten des Bettelmönchs
Ya-Nun, der selbst wohl nur kurz nickend gewürdigt hätte, was hier durch Raum,
Zeit und Text gewandert ist.
Und nun,
wie versprochen, ein kleiner Versuch für eine Nicht-Erklärung, eine vorsichtige
Editionsnotiz, die eher wie ein Räucherstäbchen duftet als wie ein
Inhaltsverzeichnis klingt:
Editionsnotiz
(fragmentarisch)
Die
Herkunft der folgenden Texte ist ungesichert, ihre Zuordnung unsicher, ihre
Echtheit ein schwebender Begriff. Es mag sein, dass Ya-Nun nie existierte –
oder in vielerlei Gestalt gleichzeitig. Vielleicht sind diese Sutren Fragmente
eines größeren Körpers, vielleicht der Körper selbst. Vielleicht wurden sie
niedergeschrieben, um zu verschwinden – oder bewahrt, um vergessen zu werden.
Wir
bitten Leserinnen und Leser, sich nicht auf Autorenschaft, Datierbarkeit oder
historische Schlüssigkeit zu verlassen. Stattdessen mögen sie diese Worte als
Einladung lesen – zu einer Form der Annäherung, die den Widerspruch nicht
scheut. Als Wegmarken auf einem Pfad, der nie zweimal an derselben Stelle
beginnt.
Was hier
wie ein Buch aussieht, könnte auch ein Spiegel sein. Oder ein leeres Gefäß.
Oder einfach: der Wind zwischen zwei Seiten.
Ich wünsche Ihnen eine erfüllte
Pause, ein gutes Nachspüren – und freue mich auf jedes zukünftige Zeichen von
Ihnen. Ob aus dem Inneren eines Sutra, am Rande einer hebräischen Quelle oder
mitten in einer ironischen Reflexion über die Abwesenheit von Absicht: ich bin
da.
In freundlicher Verbundenheit –
und mit einem stillen Lächeln für Ya-Nun.