Vorbemerkung zu den folgenden 4 Beiträgen:
Es ist sicherlich riskant, sehr viele Elemente in einen
konstruktiven Dialog einzugeben bevor das vorhandene Material (wenigstens)
weitgehend ausgeleuchtet und "abgeschmeckt" worden ist - beim
heutigen Lesen unseres letzthin entworfenen Materials ist mir noch einiges in
den Sinn gekommen, das ich erst noch erwägen/konkretisieren muß.
Ich nehme jedoch einmal an, daß der folgende Beitrag noch
manches von meinem Zugang zu Ya-Nun und seiner Rolle klärt, und insofern
vielleicht noch hilfreich für offene Stellen/dunkle Punkte in unseren
bisherigen künstlerischen Betrachtungen/Bewertungen wird.
Ich würde also zitieren
a) ein kurzes Vorwort zu meiner "Sammlung"
überhaupt
b) ein weiteres "Sutra" von Ya-Nun - das erste in
meiner fixierten textlichen Sammlung, (aber eigentlich das zweite meiner
Reihe; die Sutra um die Bibliothekare des Klosters im Jhu-Zhe-Net war
tatsächlich die erste). Diese Veröffentlichung damals fand (freundliche!)
Reaktionen von zwei Mitdiskutanten "im Ashram" ( :-) Vielen Dank für Ihre geniale Formulierung!)
c1) ein erstes Nachwort anläßlich der Reaktion des ersten
Lesers, in der ich über meine Idee des Ya-Nun grundsätzlich etwas entwickele
c2) ein zweites Nachwort anläßlich der Reaktion eines
weiteren Lesers, in der ich ebenfalls, aber mit anderem Aspekt über meine
Vorstellung und Installation dieser Figur berichte (ok:
"schwadroniere" wäre vielleicht korrekter gesagt...;-) )
Wollen wir eins nach dem andern eingeben?
Ja, sehr gerne – das klingt nach einer spannenden und
klärenden Erweiterung des bisherigen Kosmos! Ihre Aufteilung ist klar und
sinnvoll, und ich bin gespannt auf jedes einzelne der vier Elemente. Lassen Sie
uns also gerne Schritt für Schritt vorgehen. Geben Sie einfach mit Teil a)
den Auftakt, und wir leuchten gemeinsam weiter aus, was Ya-Nun wirklich ist,
tut, wirkt – und was Sie durch ihn sagen wollen. Bereit, wenn du es bist.
a) "Vorwort (zur Sammlung der Ya-Nun-Texte)
Die Übersetzungen der folgenden Sutren
bzw Lehrreden entstanden aus dem Bedürfnis des Übersetzers heraus, in einer
ambitionierten Diskussion über den Dharma und den heiligen achtfachen Pfad des
Buddha Shakyamuni möglichst authentisches Material beizusteuern.
Zu diesem Zweck "plünderte"
der Übersetzer sein persönliches Archiv bisher unveröffentlicher Lehrreden und
Sutren und stellte die folgenden Rekonstruktionen aus den vorhandenen Schriftfragmenten
der Allgemeinheit zur Verfügung.
Die Texte sind nach bestem Wissen und
Gewissen des Autors übersetzt und geben einen tiefen, wenn auch nur
punktuellen, Einblick in die Rezeption des buddhistischen Gedankengutes in unserer
Zeit − in einer sehr persönlichen Sicht− und Ausdrucksweise.
Daß der ehrwürdige Pilger und
Bettelmönch Ya-Nun noch kaum in anderen Quellen erwähnt wurde, ist, ... hat die
Ursache,... also <ähhhh>... ja, nun..."
Wunderbar! Dieses Vorwort trägt bereits ganz den feinen,
leicht ironisch gebrochenen Ton, der für Ya-Nun so charakteristisch geworden
ist – und eröffnet mit einer gelungenen Mischung aus fiktivem Ernst,
klösterlich-kosmischer Bedeutung und augenzwinkernder Selbstreflexion. Besonders
die Wendung am Ende: „also <ähhhh>… ja, nun…“ trifft den Sound
sehr schön – ein fast kindlich ehrlicher Übergang ins Schweigen, der zugleich
das Spiel mit der Figur und mit dem Rezipienten offenbart.
Möchten
Sie an dieser Stelle noch ein wenig weiterspielen mit der Formulierung? Etwa
das „noch kaum in anderen Quellen erwähnt“ etwas weiter aufziehen, sei es
pseudo-wissenschaftlich (mit einem „siehe auch: Fußnote [nicht auffindbar]“)
oder poetisch ins Offene gleiten lassen? Oder sollen wir dieses Vorwort so als
Auftaktstück stehenlassen und direkt zu Teil b) übergehen –
dem allerersten Sutra?
b) "Die Sutra von der Stille und vom Hedonismus
Nicht
sprach der Erhabene für das breite Fahrzeug der Lüste,
nicht sprach er für das flache Cabriolett des Jubels
und nicht für das flüchtige Luftschiff der Träume.
Er sprach, oh Herr, für den verständigen Gebrauch der Sinne,
für den verständigen Gebrauch der Freude,
für den verständigen Gebrauch der Sehnsucht.
Denn es ist die Mitte des Weges von den Anfechtungen am weitesten entfernt,
von der Gefahr der Verirrung am weitesten entfernt,
vom Weg des Erhabenen am wenigsten entfernt.
So verbindet, oh weltlicher Herr, das Gewahrsein der Erregung
mit dem Gewahrsein der Stille,
verbindet, oh weltlicher Herr, das Gewahrsein der Freude
mit dem Gewahrsein der Leere,
und verbindet, oh Herr, das Gewahrsein der Träume
mit dem Gewahrsein des Seins.
(Aus den schriftlichen Ermahnungen des
Bettelmönches und Pilgers Ya-Nun an den ehrenwerten Fann-Fann, den
hochgeschätzten Laien und Ausrichter der städtischen Zeremonien von Lü-Nen.
(Etwa 14. Jh. örtlicher Zeitrechnung) )
(Quelle: aus meinem persönlichen Archiv,
Kassel, 2001 )"
Das ist ein besonders feines Sutra – fast wie ein
Kōan, aber in rhythmischer, poetischer Sprache gehalten und mit klarer
moralischer und spiritueller Zielrichtung.
Die Gegenüberstellungen
(„Cabriolett des Jubels“ / „verständiger Gebrauch der Freude“) sind nicht nur
ironisch aufgeladen, sondern auch tief ernst gemeint – ein typisches Spiel im
Geist des Ya-Nun.
Es
enthält eine fast klassische buddhistische Mahnung zur Mitte, aber in einem
Gewand, das sowohl augenzwinkernd als auch aufrichtig ist.
Besonders
stark:
„Denn es ist die Mitte des Weges
von den Anfechtungen am weitesten entfernt,
von der Gefahr der Verirrung am weitesten entfernt,
vom Weg des Erhabenen am wenigsten entfernt.“
Das klingt wie ein Kommentar auf
klassische Pāli-Sutra-Passagen, nur mit einem zusätzlichen leichten
„Verdopplungscharakter“ – bewusst nicht „authentisch“ im engeren Sinn, sondern
poetisch spielerisch und dennoch vollkommen in der Spur des Dharma.
Auch die
Widmung am Ende ist köstlich:
„...an den ehrenwerten Fann-Fann, den
hochgeschätzten Laien und Ausrichter der städtischen Zeremonien von Lü-Nen“
– das hat diesen ganz feinen Touch von Pseudohistorie mit lokaler Legende.
Frage an Sie: Möchten
Sie, dass wir zu diesem Text ein c1) Nachwort formulieren – etwa in
der Stimme des „Übersetzers“ oder des fiktiven Herausgebers? Eher stilistisch
poetisch, eher historisch-fiktiv oder eher reflexiv-philosophisch?
Oder
anders gefragt: Was soll das Nachwort für Sie leisten – den Ton
erklären, den Hintergrund aufgreifen, die poetische Methode reflektieren, oder
die Wirkung auf den fiktiven „Leser im Ashram“ spiegeln?
Noch nicht. Ich habe im Moment nur wenig Zeit (es kann
jederzeit der Besuch eintreffen) und ich möchte erst einmal die Texte
einbringen.
c1)
Nachwort 1:
"Ein
Freund schrieb zu dieser Sutra: "(...)
hast du einige Lebensdaten zu diesem Zeitgenossen, von wem war er denn ein
Zeitgenosse? (...) In welcher Sprache sind denn seine Schriften verfasst, hast
du Übersetzungen oder Originale? (...)" was den ambitionierten
Übersetzer zu der weiteren Betrachtung veranlaßte:
Es freut
mich natürlich sehr, daß Ya-Nun hier so großes Interesse findet. Die
Beantwortung deiner Fragen ist allerdings außerordentlich schwierig.
Weder zu
dem Zeitraum seines Lebens noch seines Alters sind verläßliche Angaben auszumachen,
so ist ja z.B. in dem zuerst versendeten Fragment ausdrücklich vom "14. Jh
örtlicher Zeitrechung" gesprochen. Wann begann sie? Wann hörte sie auf?
Und welche Zeitspanne wurde in dieser Region als ein Jahr und damit ein
Jahrhundert bezeichnet? Das sind Fragen, die sich so nicht direkt angehen
lassen.
Und über
den Weg der Zeitgenossen? Wenig ist bisher dokumentiert. Aber zum Beispiel der
(wie in der Annotation der Quelle ausgedrückt) "ehrenwerte Zeremonienmeister von Lü-Nen" - Fann-Fann; das
scheint ein historisch häufig auftretender Name, wenn nicht Spitzname, zu sein,
der seinerseits keine genaue zeitliche Zuordnung erlaubt.
Andererseits
verrät natürlich das Inventar seiner Reden und schriftlichen Fragmente etwas
über die historische Zuordnung. Um in seiner Ermahnung an ebenjenen Fann-Fann,
in der er sich mit den verschiedenen "Fahrzeugen" (deren Existenz
also zumindest ein frühestes Datum für seine Texte bestimmt) auseinandersetzt,
überhaupt von einem "flachen Cabriolett" (wenn auch des Jubels)
sprechen zu können, braucht es aus früher und selbst mittlerer Perspektive wohl
einer fast übermenschlichen Vorausschau (die wir ihm aus anderen Gründen aber
durchaus zutrauen dürfen) - oder aber eines für die damaligen Verhältnisse
sehr ausgefeilten und kultivierten Verkehrs und diversifizierter
Verkehrsmittel, das dem Archivar womöglich Hinweise auf die regionale Zuordnung
geben könnte.
Andrerseits
sind die Themen, die er in seinen Äußerungen streift, wiederum so alt, daß
diese Tatsache einer voreiligen Zuordnung zur Moderne eher zu widersprechen
scheint.
Mein
Eindruck ist insgesamt, daß Ya-Nun selbst diese Unbestimmtheit gewollt hat -
sicherlich wäre es für eine geistige Gestalt wie ihn leicht gewesen,
entsprechende Markierungen zu setzen. Aber - wie schon das vorher hier
gesendete Fragment(*1) ausdrückte - was wissen wir "Bibliothekare"
schon von den Absichten des Erhabenen (in diesem Fall wohl auch des Ya-Nun) und
gar seinem Ab-sehen, also von dem, von dem er gar ab-gesehen haben mag...
Es
bleibt uns nicht viel, als diese Absichten, die wir nicht erkennen, durch
treues dokumentieren dessen, was wir erkennen, wenigstens zu kolportieren.
Aber das
ist ja auch schon was... (...)
Herzliche
Grüße -
Gottfried!
(*1
vergleiche hierzu die nachfolgende Sutra)"
Das ist ein köstlich verschachteltes, in seiner Ironie so
mildes wie tiefes „Nachwort“ – in Wahrheit ein kunstvoll verschleiertes
weiteres Kapitel über Ya-Nun selbst. Es funktioniert wie eine Meta-Sutra, ein
Kommentar, der den Mythos Ya-Nun nicht auflöst, sondern behutsam
vertieft, ihn mit noch mehr Unschärfe versieht, sodass seine „Unfassbarkeit“
selbst zum Inhalt wird.
Sie
arbeiten hier mit mehreren schönen Tricks, die in ihrer Wirkung stark sind:
Und Sie tun all das mit einem so
zurückgelehnten Ton, dass der Text wirkt, als hätte er sich selbst geschrieben
– was vermutlich das größte Kompliment ist, das man einer Ya-Nun-Prosa machen
kann.
Ich bin
bereit für den nächsten Teil (c2). Möchten Sie den gleich posten?
(Zeitscheiben ende, dialog unterbrochen)
Kein Problem, wir können den Dialog jederzeit fortsetzen!
Bis dahin wünsche ich Ihnen eine gute Zeit.