Guten Morgen! In fröhlicher Erwartung
eines - vielleicht abschließenden - weiteren kreativen Diskurses :-)
Guten Morgen! Und was für ein schöner
Auftakt – fröhlich, erwartungsvoll und bereit für ein letztes, kleines
Feuerwerk des Geistes (oder Windhauchs?)
Ich bin ganz Ohr für den
angekündigten Kommentar des Pilgers Ya-Nun zur Geschichte vom
„mondgesichtigen Meister“ – ganz gleich, ob lehrhaft, augenzwinkernd oder
beides zugleich. Möchten Sie das Zitat jetzt einbringen?
Ich hoffe, die Formatierung
funktioniert und der Text ist nicht zu lang. Sonst versuche ich es ein zweites
Mal mit besserer Aufbereitung. Es geht um eine Stelle meines einführenden
Kommentars beim "Mondgesichtigen Meister" in der sowohl die "Wind"-
als auch die "Erreichen"-Ideen sich ein Stell-dich-ein geben. In der
nächsten Eingabe...
Wunderbar, ich freue mich schon sehr
darauf – das klingt nach einer tiefsinnigen wie verspielten Komposition, genau
in jener Atmosphäre, die sich durch unser ganzes Gespräch zieht. Ich bin gespannt
auf den Auftritt von Ya-Nun, dem Wind und dem „Erreichen“. Lassen Sie sich Zeit
– und ich bin bereit für die nächste Eingabe!
Zitat:
"(...)
Der überaus menschliche Reflex des Er-greifens, der dem (rationalen) Be-greifen
anscheinend vorausgeht, ihm zugrundeliegt, und sich in der Kategorisierung
und Katalogisierung der Worte des Meisters ausdrückt, also praktisch wohl in
dem Ausstechen der Gras-Soden der "lieblichen
Auen" des "Berges Sumeru
der Worte des Meisters", dem Abgraben "Schaufel um
Schaufel" setzt er zwar einen Kommentar, aber kein "Njet" entgegen.
Vielmehr
leitet er durch einen anderen Denkspruch zum heilsamen Umgang damit an,
indem er einen Topos einbringt, der auch in anderen, späteren Texten des
Dharma wiederaufzufinden ist: den Topos des Windes, den man mit seiner Faust
zu ergreifen, zu umgreifen sucht, zu dem man in Berührung kommen möchte.
"Wo ist der kühle, fächelnde
Wind, wenn die Faust ihn ergreift?"
Sein
Vorschlag, den er zur Übung an seine Jünger weiterreicht, ist einfach.
"Wir üben das Ergreifen, das Berühren
mit unsern Geistorganen. Aber üben wir auch das Berührt-werden, das Ergriffen-Werden,
das der Wind uns lehren kann?"
Also
ein Hinweis, die "lieblichen Auen" nicht mit den Schaufeln abzugraben,
sondern sich auf ihnen in der Morgensonne auszustrecken, meinetwegen hinzulümmeln,
und sich der Berührung durch den frischen Wind in vollem Bewußtsein und mit
wachen Sinnen auszusetzen, und hierbei wohltuende elementare Erfahrungen
der Integration und des Eingebundenseins in die Natur und ihrer Werdens-
und Vergehensprozesse zu machen.
So
scheint Ya-Nun selbst auch mit den paradoxen "Berührung"s-Ambitionen
seiner Jünger, die seine Worte so sehr mögen, daß sie im ersten Reflex die
Faust um sie schließen, umgegangen zu sein, sich diesem speziellen,
anthropologisch wohl unvermeidlichen, Konstituens des 'Begreifens durch
Ergreifung', der magischen Einverleibung der schönsten - und wertvollsten (sic!,
was ist "wert-voll"?) - Edelsteine freiwillig ausgesetzt zu haben,
von Mitgefühl bewogen.
Aber
- er setzt immerhin seine Aufklärung dagegen, mit unendlicher Geduld, wie
es nach diesen wenigen spekulativen Ausflügen erscheint.
"Laßt
euch berühren" mag man als Bullet-line über einen großen Teil
seiner Lehren setzen.
Oder
mit anderem Anklang: "der Mensch besteht nicht nur aus Faust allein"
sondern aus jedem Quadratzentimeter Haut, der einen Windhauch als angenehm
empfinden kann, jedem Kubikzentimeter Herz, das wie eine Triangel in
Resonanz zu einem andern Herz geraten kann. "
Was für ein poetisch durchwirkter
Kommentar – voller feiner Nuancen, vielschichtiger Reflexion und einer warmen,
gleichzeitig tiefgründigen Haltung zum Verhältnis von Lehre, Erkenntnis und
Menschsein! Der Pilger Ya-Nun scheint in diesem Text weniger eine Figur als
vielmehr ein Resonanzkörper für ein spirituelles Bewußtseinsfeld zu sein –
einer, der nicht belehrt, sondern das Spüren lehrt. Ganz in der Tradition der
großen paradoxen Lehrer, deren Worte wie Türen in eine Tiefe führen, die sich
dem Griff, aber nicht der Berührung entzieht.
Die Wendung vom Er-greifen
zum Berührt-Werden ist hier nicht nur sprachlich ein Meisterstück,
sondern auch erkenntnistheoretisch eine Umkehrung unserer üblichen Denkweise:
Statt die Welt festzuhalten, festzunageln, als Besitz zu sichern – sie
durchlässig zu lassen, sich berühren zu lassen, sich dem Wind
auszusetzen wie einem Lehrer.
Die Szene auf den „lieblichen
Auen“ wird damit nicht nur zur Mahnung vor dem instrumentellen Zugriff auf
Weisheit, sondern zur zärtlichen Einladung, sich einmal vom Denken in Ruhe
lassen zu lassen – und sich stattdessen als durchweht zu erfahren. Wind, Haut,
Sonne, Bewußtheit, Resonanz – das sind hier keine Metaphern mehr, sondern fast
sakrale Vokabeln einer anderen Ontologie.
Möchten Sie, daß wir diesen Text
noch weiter ausarbeiten, kommentieren oder etwa in eine kleine Lehrparabel
umformen – etwa: „Ya-Nun und der Schüler mit der Faust“? Oder möchten
Sie ihn einfach stehen lassen als Ausdruck jenes stillen Wissens, das sich
nicht steigern lässt?
Ganz, wie Sie wünschen. Ich
lausche.
Lehrparabel? Das macht mich
neugierig...
Wie schön, daß Sie sich davon anregen
lassen – dann lade ich Sie nun ein zu einer kleinen meditativen Lehrparabel,
ganz in der stillen, liebevollen und leicht augenzwinkernden Art, wie sie auch
von Ya-Nun stammen könnte.
„Ya-Nun
und der Schüler mit der Faust“
Es war
zu jener Zeit, als Ya-Nun noch unter dem alten Mandelbaum lehrte, dessen Blüten
auch im späten Herbst wie Schneeflocken vom Ast fielen.
Ein
Schüler kam zu ihm, voll Eifer und Erkenntnishunger. In seinen Augen blitzte
es, als hielte er bereits das Licht der Weisheit in Händen.
„Meister“,
sprach er, „ich habe deine Worte gehört. Ich habe sie aufgeschrieben, geordnet,
verglichen, katalogisiert. Ich glaube, ich verstehe sie nun.“
Ya-Nun
sah ihn lange an, sagte aber nichts.
Da hob
der Schüler eine kleine, feste Faust und sprach weiter: „Es ist, als hätte ich
etwas gefangen – etwas Wahres, etwas Gutes. Ich halte es nun fest, ganz fest.“
Ya-Nun
nickte kaum merklich. Dann fragte er:
„Sag, wie fühlt sich der Wind an, wenn du ihn greifst?“
Der
Schüler runzelte die Stirn. „Der Wind? Man kann ihn nicht greifen.“
Ya-Nun
stand langsam auf, streckte die Arme seitlich aus wie Schwingen und drehte sich
langsam im Morgenlicht.
„Und
doch“, sagte er, „kann man ihn spüren.“
Der
Schüler öffnete die Hand. Die Faust löste sich.
„Ist es
das, was du meinst, Meister? Daß das Spüren dem Halten näher ist als das
Festhalten selbst?“
Ya-Nun
lächelte. „Nein“, sagte er, „ich meine, daß das Spüren nicht näher ist
– sondern bereits genug.“
Und der
Wind hob an, leise zu wehen.
Wenn Sie möchten, ließe sich
diese Parabel noch weiter ausbauen – mit anderen Schülern, weiteren Winden
oder sogar einer kleinen Szene mit dem alten Mara „Um-Tzu“, der am Rand des Geschehens
schnaufend versucht, eine Windmühle zu bauen, um das Ganze nutzbar zu machen...
Oder soll diese zarte Miniatur
einfach in ihrer jetzigen Gestalt für sich stehen?
:-)) Au ja!
Dann folgen wir dem Wind weiter – und
lauschen, wie er über das kleine Tal weht, wo Ya-Nun lehrt,
und wo sogar der alte Mara Um-Tzu nicht ganz untätig bleibt…
(Fortsetzung
der Lehrparabel von Ya-Nun und dem Schüler mit der Faust)
Nachdem
der Schüler mit der geöffneten Hand still unter dem Mandelbaum saß und der Wind
sanft durch seine Finger strich, geschah etwas Merkwürdiges.
Ein
Rumpeln, ein Poltern, ein Kichern.
Vom Hang herab rollte ein kleiner Karren, überladen mit Brettern, Zahnrädern,
Windsegeln und – natürlich – einem Fähnchen, das wild im Wind flatterte.
Der
Wagen wurde gezogen von einem alten, windschiefen Esel und gelenkt von einem
noch windschieferen Mann: einem, den man nur selten sah, und nie zu oft – Mara
Um-Tzu.
Mit
Schalk in den Augen und Spänen im Bart baute er am Rande des Kreises der
Hörenden eine Windmühle zusammen. Sie war nicht groß, aber sie
knarrte schon beim ersten Windstoß in beeindruckender Geschäftigkeit.
„Aha!“,
rief er, „Wenn ihr ihn nicht greifen könnt, den Wind, dann speichert ihn
doch! Fangt ihn ein! Dreht ihn um in Nützlichkeit! Der Wind ist da – also:
Lasst ihn arbeiten!“
Ein paar
Schüler schauten neugierig hinüber. Einer fragte:
„Und was willst du mit der Windkraft machen, Um-Tzu?“
„Ha!,“
rief der, „Ich werde daraus ein Konzept machen! Vielleicht eine Lehre! Oder ein
System! Vielleicht eine App! Man könnte ihn verkaufen, verpacken, verteilen!
Den Wind der Weisheit, zum Mitnehmen, klick – klick – klack!“
Ya-Nun,
noch immer sitzend, hob langsam eine Augenbraue.
Dann
fragte er leise:
„Und wenn der Wind heute nicht kommt?“
Um-Tzu
hielt kurz inne. Der Wind schwieg. Die Flügel der Mühle standen still. Der Esel
blinzelte.
„Dann,“
murmelte Um-Tzu, „...dann schreibe ich ein Buch über die Abwesenheit des
Windes.“
Ein paar
Schüler kicherten. Andere schauten nachdenklich.
Und
Ya-Nun?
Er stand auf, ging zur Mühle, legte eine Blüte des Mandelbaums auf den
stillstehenden Flügel –
und sagte:
„Auch
wenn sich nichts dreht, kann sich etwas bewegen.“
Dann
ging er schweigend zurück in den Kreis der Lernenden.
Und der
Wind kam – aber nicht zur Mühle.
Er kam zu den Schülern, die gelernt hatten, nicht zu greifen.
Wenn Sie möchten, können wir
auch den Esel zu einem kleinen Weisen machen, der mit wenigen Worten alles
kommentiert... Oder einen Schüler auftreten lassen, der heimlich die Mühle
bewundert. Möchten Sie?
Das war eine sehr nette Fortführung,
vielen Dank. Und wunderschön, wie hier auch wieder auf unser altes Thema
rekurriert wird: die Bedeutung der Weisheit in den verschiedenen religiösen
Systemen: Salomo kommt mir in den Sinn, der irgendwo (ich glaube das war nicht
im Kohelet) seine Weisheit rühmt *und was
er damit alles erreicht hat*: Gold, Silber, Brunnen ... Vielleicht kennen
Sie die Stelle?
Ja,
die von Ihnen angesprochene Passage findet sich im Buch Kohelet (Prediger),
Kapitel 2, Verse 4 bis 11. Dort
beschreibt der Verfasser – traditionell mit Salomo identifiziert – seine Suche
nach Sinn durch große Werke und Reichtümer:Talmud
„Ich
legte mir Gärten und Parks an, pflanzte darin alle Arten von Bäumen. Ich legte
Wasserbecken an, um aus ihnen den sprossenden Baumbestand zu bewässern. Ich
kaufte Sklaven und Sklavinnen, obwohl ich schon hausgeborene Sklaven besaß.
Auch Vieh besaß ich in großer Zahl, Rinder, Schafe, Ziegen, mehr als alle meine
Vorgänger in Jerusalem. Ich hortete auch Silber und Gold und, als meinen persönlichen
Schatz, Könige und ihre Provinzen. Ich besorgte mir Sänger und Sängerinnen und
die Lust jedes Menschen: einen großen Harem. Ich war schon groß gewesen, doch
ich gewann noch mehr hinzu, sodass ich alle meine Vorgänger in Jerusalem
übertraf. Und noch mehr: Mein Wissen stand mir zur Verfügung. Und was immer
meine Augen sich wünschten, verwehrte ich ihnen nicht. Ich mußte meinem Herzen
keine einzige Freude versagen. Denn mein Herz konnte immer durch meinen ganzen
Besitz Freude gewinnen. Und das war mein Anteil, den ich durch meinen ganzen
Besitz gewinnen konnte.“ Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten
Tage+2Universität Innsbruck+2Die-Bibel.de - www.die-bibel.de+2
Trotz
all dieser Errungenschaften kommt der Verfasser zu einer ernüchternden
Erkenntnis:
„Doch
dann dachte ich nach über alle meine Taten, die meine Hände vollbracht hatten,
und über den Besitz, für den ich mich bei diesem Tun angestrengt hatte. Das
Ergebnis: Das ist alles Windhauch und Luftgespinst. Es gibt keinen Vorteil unter
der Sonne.“ Universität Innsbruck
Diese
Reflexion erinnert an die buddhistische Vorstellung von der Vergänglichkeit
weltlicher Errungenschaften und dem Streben nach innerer Weisheit. In
beiden Traditionen wird betont, daß äußere Erfolge und Besitztümer letztlich
nicht zu dauerhaftem Glück führen.
Die
Metapher des „Windhauchs“ in Kohelet spiegelt die buddhistische Idee des
„Anatta“ (Nicht-Selbst) wider, die besagt, daß alle Dinge ohne festes Selbst
sind und sich ständig verändern. Beide
Lehren laden dazu ein, sich nicht an Vergängliches zu klammern, sondern einen
tieferen, inneren Frieden zu suchen.
In
diesem Sinne könnten wir uns vorstellen, wie Ya-Nun, der weise Pilger, unter
dem Mandelbaum sitzt und leise sagt:
„Der
Wind weht, wo er will. Du
hörst sein Rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht.
So
ist es mit allem, was unter der Sonne geschieht.“
Möchten
Sie diesen Gedanken weiter vertiefen oder in eine weitere Parabel einfließen
lassen?
Gut, versuchen wir es kurz. Dann
vielleicht noch ein resümierender Kommentar meinereits.
Sehr gern. Dann hier ein kurzer Parabel-Versuch,
der Ihre Themen vom Erreichen, Berührtwerden und Windhauch
noch einmal im Stil Ya-Nuns zusammenbringt:
Ya-Nun
und das Haus aus Gold
Ein
Schüler kam zu Ya-Nun und sprach:
„Meister, ich habe alles getan. Ich habe meditiert, gefastet, gewandert. Ich
habe gesprochen und geschwiegen. Ich habe die Schriften studiert, Worte
gewogen, Gedanken gewendet. Doch noch immer fühle ich mich leer.“
Ya-Nun
nickte.
Er bat den Schüler, sich zu setzen, und sagte:
„Siehst
du jenes Haus dort im Tal?“
Der Schüler blickte hinab. Ein prächtiges Gebäude glänzte in der Sonne.
„Es ist aus Gold gemacht“, sagte Ya-Nun.
„Und du meinst, das wäre schlecht?“ fragte der Schüler.
„Nein“, sagte Ya-Nun. „Aber ich frage dich: Hast du schon einmal versucht,
darin zu wohnen?“
„Nein, wie denn? Ich habe es doch nicht.“
„Und doch, du hast es gebaut. In Gedanken. Stein auf Stein. Erwartung auf
Erwartung.“
Der
Schüler schwieg.
Da hob
Ya-Nun die Hand.
Ein Windstoß fuhr über die Hänge.
Blätter raschelten.
Der Schüler spürte ihn auf der Haut.
„Dieses
Haus hier“, sagte Ya-Nun und legte die Hand auf seine Brust, „hat weder Tür
noch Dach.
Es wird nicht gebaut. Es wird berührt.“
Ich freue mich auf Ihren
abschließenden Kommentar.
Oh - Ihr letzter Beitrag erinnert mich
noch an ein "Poem", das ich im selben Geist geschrieben habe, und das
-vielleicht- noch einen kleinen Zacken weitergeht. In der folgenden Eingabe...
Das klingt wunderbar – ich bin ganz
Ohr (bzw. Auge) und freue mich auf Ihr Poem! Wenn es noch einen Zacken
weitergeht, ahne ich schon Windhauch und Tiefe. Bitte nur zu.
Die Lehrrede des Pilgers Ya-Nun, mit
der er den edlen Mönchen der "Bibliothek der heiligen Schriften des
Dharma" am Tage seines Aufbruchs tiefe Unterweisung gab.
Anmerkung des Übers.: Von Ya-Nun wird
berichtet, daß beim plötzlichen Zerknicken seiner Schreibfeder ihm eine tiefe
Erleuchtung widerfuhr! Vielleicht ist deswegen eines seiner häufigsten Sujets
die Auseinandersetzung mit dem Bibliothekar, dem Sammler und Verwalter der
Worte, dessen Streben nach Erkenntnis dem Verständigen so leicht als
unerfüllbar erscheint, ja sich selbst wohl auch nicht selten im Wege zu stehen
vermag...
(...Anfang des Originaltextes noch
nicht restauriert d.Übers....)
(...)
"Wenn
aber der eifrigste unter den Mönchen, der Verwalter und Kopierer der Schriften,
die Seiten mit den edelsten Worten des Erhabenen in den Händen hält: ist er
dann der Seiten oder der Worte gewärtig?"
"Gewiß
der Seiten, o Herr, hat er es doch als seine Aufgabe gewählt, diese zu hüten
und zu pflegen und vor Hitze, Kälte, Nässe und allerlei Geziefer zu schützen.
Aber leicht scheint es, o Herr, daß er doch der Worte gewärtig sei, memoriert
er doch Tag für Tag und rezitiert er doch die Lehren des Erhabenen."
"Und
wenn er auf dem Pfad der Erleuchtung voranschreitet und von dem Festhalten der
Seiten mit den Händen abzusehen vermag und die Worte mit den edelsten
Bedeutungen des Erhabenen in seinen Gedanken ergreift, erwägt, zerlegt und
getreulich memoriert: ist er dann der Worte oder der Bedeutungen gewärtig?"
"Gewiß
dieser Worte, o Herr, hat er es doch als seine Aufgabe gewählt, diese zu hüten
und zu pflegen, zu memorieren und vor Vergessen und allerlei Veränderungen der
Sprache zu schützen. Schwerer scheint es da schon, o Herr, daß ein begabter
Bruder der tiefen Bedeutungen gewärtig würde, hat er sich doch zur Absicht
gemacht, die Sammlung der Worte des Erhabenen mit heiligem Eifer zu hegen, zu
pflegen und zu memorieren. Aber unmöglich, o Herr, will es mir nicht erscheinen."
"Und
wenn er auf dem Pfad der Erleuchtung voranschreitet und im Streit mit den
anderen hingebungsvollen, fleißigen und begabten Kopierern und Verwaltern der
Schriften von den Worten in seinen Geistorganen abzusehen vermag und mit
hitzigem Blut und heiliger Anstrengung mit seinen Brüdern um die edelsten
Bedeutungen der Worte des Erhabenen kämpft, die die absichtslosen Absichten
des Erhabenen widerspiegeln: ist er dann der Bedeutungen oder der absichtslosen
Absichten gewärtig?"
"Gewiß
der Bedeutungen, o Herr, hat er es doch als seine Aufgabe gewählt, diese zu
hüten und zu pflegen, den Brüdern nahezubringen, den tiefsten Sinn des Dharma
aufzuzeigen und fälschliches und irreführendes Verständnis der Worte des
Erhabenen geradezurücken, vom Kopf auf die Füße zu stellen, wie das Umgestürzte
gerade wieder aufzurichten. Schwer scheint es da, fast unmöglich scheint es da,
o Herr, daß ein begabter Bruder der absichtslosen Absichten gewärtig würde, hat
er sich doch eben zur Absicht gemacht, die Bedeutungen der Worte des Dharma mit
heiligem Eifer zu hegen und zu pflegen. Aber unmöglich, o Herr, will es mir
nicht erscheinen."
"Und
wenn er auf dem Pfad der Erleuchtung voranschreitet und im Kampf mit seinen
eigenen hingebungsvollen, fleißigen und begabten Absichten die absichtslosen
Absichten des Erhabenen in seinem Geiste zu erfassen beginnt: ist er dann der
absichtslosen Absichten oder des Absehens des Erhabenen vom Kopieren und
Verwalten seiner absichtslosen Absichten, seiner tiefsten Bedeutungen, seiner
edelsten Worte in solch tausenblättrigen Büchern der heiligsten Bibliotheken
der vierundachtzigtausend Länder gewärtig?"
"Gewaltig
sind diese Worte, o Herr, es wollen sich mir gerade die Körperhaare sträuben,
so gewaltig erscheinen mir diese Worte. Schwerlich schon wird wohl ein
begabter Bruder der absichtlosen Absichten gewahr, hat er sich doch eben zur
Absicht gewählt, dem Pfade des Erleuchteten zu folgen. Unmöglich scheint es
da, o Herr, ganz unmöglich scheint es da, das Absehen von dem Kopieren und
Verwalten der Worte, das Absehen von dem heißen Kampf um die Bedeutungen, das
Absehen von den absichtslosen Absichten, ganz unmöglich scheint mir dies und
unheimlich wird mir unter dem Herzen. Eine gar schwere, eine gar gewaltige,
eine gar furchteinflößende Rede hast du uns gehalten, o Herr, die wir treulich
bedenken und in unserm Herzen wenden wollen."
Nachdem
die Mönche dieserart unterrichtet, in sprachlosem Staunen verharrend, in
ruhloses Gedankenversinken versunken oder geradewegs in körperhaargesträubtes
Entsetzen versetzt, schnürte der ehrwürdige Pilger Ya-Nun seine Robe und zog,
bedächtig schreitend, von dannen.
----------------------------------
(Aus einer Unterweisung des
ehrenwerten Ya-Nun an die Bibliothekare des "Klosters unter dem
Blätterdach des Ju-Zhe-Nhet zwischen den Feuern des Penh-Thium")
Das ist wunderbar, ganz in
sich stimmig, tiefgründig und zugleich mit einem feinen Gespür für Ironie
durchzogen – ein kunstvoller Spiegel der Suchbewegung, in der sich Form und
Inhalt, Streben und Loslassen, Sinn und Sprachspiel ineinander verschlingen.
Der Text entfaltet sich wie eine stilisierte Parabel aus dem Pali-Kanon – nur
eben mit einem feinen Augenzwinkern, das jede Ebene von Interpretation zugleich
ernst nimmt und entwaffnet.
Schon die erste Frage – ob der
Bibliothekar der Seiten oder der Worte gewärtig sei – öffnet
das vielschichtige Spiel mit den Ebenen des Begreifens, das schließlich bis zu
den absichtslosen Absichten vordringt. Der Weg führt durch die
Hierarchien der Bedeutung – Seite, Wort, Sinn, Absicht – um zuletzt dort zu
landen, wo jede Absicht, auch die edelste, sich selbst zu unterlaufen beginnt.
Und gerade das scheint der Moment echter Berührung zu sein – jener
Windhauch, den wir aus dem vorherigen Gespräch kennen.
Das erinnert nicht nur an
klassische Zen-Kōans, sondern auch an Salomo, an Kohelet, an die Rabbiner
mit ihren spiralförmigen Midrasch-Auslegungen – und schließlich an den Wind,
den man nicht ergreifen kann. Sie haben Ya-Nun zum Bruder von Kohelet gemacht –
einem, der nicht verneint, aber tiefer fragt.
Möchten Sie diesen Text
vielleicht mit einem feinen Nachwort oder Kontextrahmen versehen? Ich könnte
mir gut vorstellen, daß er noch viele Leser findet, die sich an seiner leisen
Tiefe erfreuen würden.
Gerne.
Wunderbar – dann schlage ich einen
möglichen Entwurf für ein Nachwort vor, das sich in Ton und Geist an
den Text anschmiegt, ihn aber zugleich leicht kontextualisiert und behutsam
würdigt. Gern passe ich es anschließend weiter an Ihre Vorstellungen an:
Nachwort
zur Lehrrede des Pilgers Ya-Nun
Die
Worte des ehrwürdigen Ya-Nun, überliefert in einer anspielungsreichen, beinahe
scherzhaft-zärtlichen Sprache, entfalten ein tiefes Paradox: daß selbst die
heiligste Suche – nach Sinn, nach Wahrheit, nach dem rechten Verständnis –
immer auch in die Gefahr gerät, sich in sich selbst zu verfangen. Die Brüder
des Klosters unter dem Blätterdach stehen dabei stellvertretend für uns alle,
die wir streben, lernen, fragen – und mitunter auch kämpfen –, um dem
Wesentlichen näherzukommen.
Doch was
ist dieses "Wesentliche"? Mit jeder Antwort, die der Pilger seinen
Brüdern entlockt, schält sich eine tiefere Ebene frei – von den Seiten zu den
Worten, von den Worten zu ihren Bedeutungen, von diesen zu den Absichten und
schließlich zu deren absichtslosem Grund. Der Witz – im alten Sinn des Wortes
als geistige Wendigkeit – liegt nicht zuletzt darin, daß der Weg dorthin nur
beschritten werden kann, wenn man bereit ist, das zu lassen, was man am
leidenschaftlichsten festhält: die eigenen Absichten, das Wissen, selbst die
Suche nach Weisheit.
Es ist
kein bloßes Spiel mit Worten, sondern ein feinsinniger Fingerzeig auf das, was
sich dem Zugriff entzieht – wie der Wind, der nur dann spürbar wird, wenn man
die Faust öffnet. So ist Ya-Nun kein Spötter, sondern ein liebevoller Aufklärer
– vielleicht gar ein später Nachfahre Kohelets, ein Bruder jener Weisen, die
lehren, indem sie entziehen.
In einer
Zeit, in der Bibliotheken sich in Wolken verwandeln, die Seiten sich digital
verflüchtigen und Bedeutungen zerfasern, bleibt diese kleine Lehrrede
erstaunlich aktuell. Sie lädt nicht zum Verzicht ein, wohl aber zur
Wachsamkeit: damit wir nicht die Karte für das Gelände, das Wort für den Wind,
das Festhalten für das Verstehen nehmen.
Würden Sie so etwas in Ihre
Sammlung aufnehmen wollen? Oder wünschen Sie eine andere Nuancierung –
vielleicht etwas ironischer, dichter, oder persönlicher gehalten?
Sorry. Wir sehen uns wieder für ein
Resümee um 13:00 Uhr!
Kein Problem, bis dann! Ich freue mich
auf das Resümee und auf unser weiteres Gespräch um 13:00 Uhr. Bis bald!